Dr. phil Elena Smirnova

Elena Smirnova

Germanistische und Angewandte Sprachwissenschaft

 

Evidentialitätsmarker im Deutschen

Gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung
Projektbeginn: 1. April 2006

Die korpusbasierte, diachrone Studie untersucht die Entwicklung von Evidentialitätsmarkierungen seit dem Althochdeutschen, mit dem Ziel, diesen Prozess als Grammatikalisierungsvorgang zu erweisen.
Die linguistische Kategorie der Evidentialität und ihre konkrete sprachliche Realisierung stellt ein weitgehend unerforschtes Feld in der germanistischen Linguistik dar. Die Studie knüpft daher an typologische Forschungen an, die sich schon seit längerem mit dieser Erscheinung in anderen Sprachen befassen. Als distinktiver semantischer Kern von Evidentialitätsmarkern gilt, dass sie auf Evidenzen bzw. Informationsquellen verweisen, die der Sachverhaltsdarstellung zugrunde liegen. Diese Informationsquellen können aus verschiedenen perzeptiven und kognitiven Bereichen stammen, was häufig durch die evidentiellen Formen selbst gekennzeichnet ist. Aus zahlreichen Sprachen geläufig ist zum Beispiel die Unterscheidung von direkter Evidenz durch eigene Wahrnehmung (visuell, akustisch und andere) und indirekter Evidenz durch Schlussfolgerungen.
Auch die deutsche Sprache verfügt über evidentielle Formen, so zum Beispiel die verbalen Periphrasen scheinen/drohen/versprechen & zu-Infinitiv. In einem Satz wie Das Wetter scheint umzuschlagen kann die Konstruktion scheinen & zu-Infinitiv als direkter visueller Evidentialitätsmarker verwendet werden; sie zeigt in diesem Fall an, dass dem Sprecher visuelle Evidenzen für die Äußerung seiner Behauptung vorliegen.
Das Projekt stellt die erste umfassende Untersuchung zum Thema Evidentialität im Deutschen dar. Im Zentrum des Interesses stehen außer den bereits genannten Periphrasen die Konstruktion werden & Infinitiv und AcI-Konstruktionen wie Sie hört/sieht ihn abfahren. Dabei kommen auch Formen und Syntagmen in den Blick, die in älteren Epochen auf dem Weg zum Evidentialitätsmarker waren, diese Entwicklung jedoch nicht fortgesetzt haben und entweder ausgestorben oder zu regulären Vollverben geworden sind.
Die leitende Hypothese des Forschungsprojektes ist, dass es sich bei der Entwicklung deutscher Evidentialitätsmarker um einen Grammatikalisierungsprozess handelt, in dessen Verlauf evidentielle Distinktionen als grammatische Unterscheidung ins Verbalsystem integriert werden. Eine weitere zentrale Fragestellung richtet sich auf die Art der Interaktion der Domäne Evidentialität mit anderen grammatischen Kategorien des Deutschen (insbesondere mit Modus und Tempus, aber auch mit aspektuellen Distinktionen). Die Überprüfung der Hypothesen erfolgt korpusbasiert mit diachronen digitalisierten und morphologisch annotierten Korpora vom 8. Jahrhundert bis in die Gegenwart.
Das zu entwickelnde Modell der Grammatikalisierung von Evidentialitätsmarkern verknüpft Erkenntnisse über deren sprachinterne Entwicklungslinien mit soziolinguistischen Spezifik und präsentiert ein neues Kapitel der Sprachgeschichte des Deutschen zur Entstehung einer bislang kaum beachteten Kategorie.

Projektleitung: Prof. Dr. Gabriele Diewald Projektmitarbeiter: Dr. Elena Smirnova Timm Lehmberg, M.A.