Die Herausbildung des Passivs als eigenständige Diathese im Deutschen und Englischen

Der Hintergrund der Tagung ist die Herausbildung des Passivs als eigenständige Diathese im Deutschen und Englischen. In ihren ältesten Stufen verfügen das Deutsche und Englische über syntaktische Kombinationen, i.e. Konstruktionen, aus Kopulaverb (v.a. ‘sein’, ‘werden’) und Partizip Präteritum, die in bestimmten Fällen eine passivische Bedeutung tragen. Die neuere Forschung hat gezeigt, dass es sich hierbei jedoch nicht um Diathesen, sondern um syntaktische Kombinationen handelt, die durch das kompositionelle Zusammenwirken ihrer syntaktisch-semantischen Parameter unter anderem passivische Interpretation erlauben (Mailhammer & Smirnova 2013, mit Literatur). Erst im Laufe des Mittel- und Frühneuhochdeutschen sowie des Mittelenglischen bilden sich dann Diathesen im Sinne einer grammatikalisierten Struktur heraus. Hierbei ist entscheidend, dass das Deutsche und das Englische in dieser Entwicklung auseinanderlaufen und jeweils unterschiedliche Kopulaverben zu ihren zentralen Passivauxiliaren machen: Im Deutschen fungiert ‘werden’ als diathetisches Passivauxiliar, während im Englischen diese Funktion von ‘sein’ getragen wird. 

Sowohl der Verlauf dieser Entwicklungen im Einzelnen als auch die einzelsprachliche Motivation für die Auxiliarisierung der unterschiedlichen Kopulaverben sind bislang nicht befriedigend erklärt. So wird allgemein angenommen, dass Konstruktionen mit ‘sein‘ und ‘werden‘ im Laufe ihrer Entwicklung zunächst funktional gleichwertig wurden, was zu einer instabilen Konkurrenzsituation führte; diese Situation wurde dann dadurch „aufgelöst“, dass eine der beiden Konstruktionen bzw. eines der beiden Kopulaverben abgebaut wurde (vgl. z.B. Fischer & van der Wurff 2006 für das Englische und Kotin 2003 für das Deutsche). Diese Annahme ist sicherlich nicht völlig falsch, doch erweist sie sich als viel zu allgemein, um die wichtigen Faktoren der konkreten Entwicklungen erfassen zu können. Zum einen bedarf die Entstehung der Konkurrenzsituation selbst einer nachvollziehbaren Erklärung. Zum anderen muss geklärt werden, ob es sich dabei um absolute Äquivalenz oder nur um Überschneidungen in bestimmten Bedeutungsaspekten handelt.

Wir gehen davon aus, dass am Anfang der Entwicklung eine partielle semantische Überlappung zwischen den genannten Konstruktionen gibt, die im Wesentlichen auf die Kombination von dem präteritalen Kopulaverb und dem Partizip Präteritum eines terminativen bzw. telischen transitiven Verbs beschränkt ist. Für das Englische gilt zudem, dass die ‘werden’-Kopula im Präteritum im Englischen rund 200 Jahre früher verschwindet als im Präsens (vgl. z.B. Petré 2010). Wir nehmen an, dass in den beiden Sprachen bereits zu Anfang des Entwicklungsprozesses Unterschiede nachzuweisen sind, die einen erheblichen Einfluss auf die folgende Grammatikalisierung der Passivkonstruktionen hatten, und dass diese Unterschiede in den verfügbaren und realisierten Kombinationsmöglichkeiten der Kopulaverben zu suchen sind. Diese Überlegungen sind Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen, deren Reichweite im Workshop diskutiert wird. 

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Literatur

Fischer, Olga und Wim van der Wurff. 2006. Syntax. In: Richard M. Hogg und David Denison (Hgg.) A History of the English Language. Cambridge: Cambridge University Press, 109-198.

Haspelmath, Martin. 1990. The grammaticization of passive morphology. Studies in Language 14.1: 25-71.

Kotin, Michael. 2003. Die werden-Perspektive und die werden-Periphrasen im Deutschen. Frankfurt a.M.: Peter Lang.

Mailhammer, Robert und Elena Smirnova. 2013. Incipient grammaticalization: sources of passive constructions in English and German, in: Gabriele Diewald, Ilse Wischer und Leena Kahlas-Tarkka (Hgg.) Comparative Studies in Early Germanic Languages: with a Focus on Verbal Categories, Amsterdam/ Philadelphia: John Benjamins, 41-70.

Petré, Peter. 2010. The functions of weorðan and its loss in the past tense in Old and Middle English. English Language and Linguistics 14: 457-484.

Petré, Peter. 2013. Passive auxiliaries in English and German: Decline versus grammaticalization of bounded language use. In: Gabriele Diewald, Ilse Wischer und Leena Kahlas-Tarkka (Hgg.).

Welke, Klaus. 2012. Valenz und Konstruktion: Das Passiv im Deutschen. In: Burkhard, Armin, Rudolf Hoberg und Claudio Di Meola (Hgg.) Valenz, Konstruktion und Deutsch als Fremdsprache (Deutsche Sprachwissenschaft international; 16). Frankfurt am Main: Peter Lang,  47-90.

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